2.
Sie warfen die Schulranzen in die Ecke und setzten sich
auf das ausziehbare Bett in Danas Zimmer.
Kürzlich war ein sogenanntes Jugendzimmer angeschafft
worden - weißer Kunststoff mit knallroten Griffen
an den Schränken und Regalen. Dazu ein Teppich in verschiedenen
schrillen Rot- und Lilatönen, das Bett, und eine rote
Lampe mit 5 großen weißen Kugeln..
Es war der letzte Schrei und Dana war stolz darauf, obwohl
eine leise Stimme in ihrem Inneren ihr zuraunte, dass es
im Grunde eine entsetzliche Geschmacksverirrung war. Doch
sie hatte beschlossen, dieses eine Mal wegzuhören;
sie war wild entschlossen, einmal einfach glücklich
zu sein. Schon allein wegen Hanna. Sie war in ihrer Klasse,
erst kürzlich zugezogen, und die zwei Mädchen
hatten sich schnell angefreundet. Dana war fasziniert -
Hanna war ein Jahr älter als sie, sah aus wie ein Engel
und tat grundsätzlich nur, was ihr in den Kram passte.
"Lass
uns rübergehen", schlug sie jetzt vor und Dana
nickte. "Hast du es dabei?" fragte sie und kicherte
etwas atemlos. Hanna grinste mit leicht verschlagenem
Gesicht und fischte ein Büchlein aus der Jackentasche,
das sie Dana vor die Nase hielt.
Sie verließen die Wohnung, die inzwischen eine Zentralheizung
besaß, und gingen zu der alten Kirche gegenüber.
Ihr Ziel war nicht das mit Platten aus rotem Sandstein
ausgelegte Kirchenschiff, sondern ein schmaler Durchgang
in dem Dickicht rechts neben der Kirchenmauer. Kleine
Pfade waren von Kreaturen, die wie sie ein verstecktes
Plätzchen gesucht hatten, in das Gestrüpp getreten
worden. Nach circa 20 Metern gelangten sie zu einer Nische
in der Kirchenmauer. Sie setzten sich auf zwei Obstkisten,
die sie hier deponiert hatten, und Hanna öffnete
das Buch mit dem Titel "Freche kleine Sekretärinnen"
.
Es handelte sich um eines der vorgeblich freizügigen,
doch letzendlich unsäglich verklemmten erotischen
Machwerke der Oswalt-Kolle-Ära, und Hanna hatte es
ihrem Vater geklaut. Sie vertrat die Ansicht, dass er
als Pfarrer ohnehin nichts mit solchem Schweinkram am
Hut haben sollte, und sie und Dana damit ohnehin viel
mehr anfangen konnten.
Abwechselnd
lasen sie sich den zweideutigen Text vor, bis der Drang,
etwas zur Handlung beizutragen, überwog. Hanna hatte
dabei einige Übung und es war nicht das erstemal,
dass Dana mit ihr Umgebung, Erziehung, Namen und Adresse
völlig vergaß.
Es waren magische Augenblicke unter einem grünen
Blätterdach, durch sichtbare und unsichtbare Mauern
getrennt von der Welt, die sie kannten .. in einem magischen
Alter.
Schließlich fand Hanna die Sprache wieder. Etwas
verlegen sagte sie:. "Übrigens .... ich hab
noch eine Überraschung für dich. Es ist doch
Freitag... und meine Mutter hat nichts dagegen, wenn du
heute bei mir übernachtest. Mein Zimmer ist auf dem
Dachboden, da stört uns keiner und wir können
es uns richtig gemütlich machen ... mit Kerzen und
so."
Dana sah sie an und nickte langsam und erfreut. Ihre Knie
waren ein bisschen weich, als sie Hanna antwortete. "Klar.
Das wird sicher toll!"
Es war ihr 14. Geburtstag.
3.
Ein modriger Geruch stieg in Danas Nase, als sie mit der
Gartenschaufel den weichen Waldboden bearbeitete.
Sie hatte sich das einfacher vorgestellt - einfach ein
Loch buddeln, den Schuhkarton mit der Kaninchenleiche
hineinlegen und das Ganze wieder mit Erde bedecken. Den
Gedanken an den perfekten Mord konnte sie erst einmal
knicken, dachte sie und lächelte schief, die Beseitigung
des Opfers wäre viel zu kompliziert ...
Neben ihr stand Frederic, ihr langjähriger Lover,
dem sie das Schaufeln untersagt hatte. Es war ihr Häschen
gewesen und deshalb musste sie es allein begraben. Das
hatte allerdings zur Folge, dass Frederic nicht eben zu
einer angemessen feierlichen Stimmung beitrug - schon
im Auto hatte ihn die Suche nach einer geeigneten Begräbnisstätte
unruhig und reizbar gemacht. Jetzt beschäftigte er
sich damit, die Fliegen zu verscheuchen, die ihn auf der
sonnenbestrahlten Waldlichtung umsummten und sich unvorsichtigerweise
gelegentlich auf seinem nach Aftershave duftenden Gesicht
niederließen. Dana seufzte. Irgendwie hatte sie
sich das Leben in einer Beziehung anders vorgestellt,
als sie vor 3 Jahren Frederics originelles Werben um ihre
Gunst erhört hatte. Frederic war originell bei allem,
was er tat. Nur langsam aber sicher ging er ihr auf die
Nerven. War sie undankbar?
Nach ihrem Informatik-Studium hatte sie das Glück
gehabt, eine krisensichere und gut bezahlte Stelle beim
Staat zu ergattern. Sie war für die Wartung der Datenbank-Server
zuständig, die Behörden und Stellen wie Wetterdienste
und Katastrophenschutz erfassen und verwalten, und um
nicht komplett zum Nerd zu werden, gab sie sich einmal
in der Woche dem organisierten Singen hin. Der leicht
schräge Gospel-Chor bei Ally McBeal hatte sie von
jeher fasziniert, und schließlich war sie selbst
in einem solchen gelandet - und damit bei Frederic.
Er war der Chorleiter, gesegnet mit einer Altstimme, die
ihr Herz schon beim ersten Grüß-Gott-sagen
hatte hüpfen lassen, und im täglichen Leben
erfolgreicher Anwalt in einer kleinen Kanzlei. Zudem ein
stattliches Exemplar, sozusagen der Mann, dem die Frauen
vertrauen, und das tat denn auch Dana auf ihrer immerwährenden
Suche nach dem Rama-Frühstück Partnerwahltechnisch
war er ideal, alles passte. Sollte sie das etwa misstrauisch
machen? Es konnte doch sein, dass in ihrem Leben einmal
wirklich etwas klappte, und bislang sah es ganz so aus.
Frederic war aufmerksam, liebevoll, wartete im Bett auf
ihr "zweites Mal", (obwohl sie eigentlich viel
lieber aufgehört und ihren Pathologenkrimi weitergelesen
hätte), er lud sie zum Essen ein und sah die gleichen
Filme wie sie.
Nur eben manchmal.. heute, in gewissen Ausnahmesituationen,
war er, gelinde gesagt, etwas unsensibel. Der Tod ihres
Lieblingshasen hatte sie sehr mitgenommen, und das konnte
Frederic nicht verstehen. Doch konnte sie das erwarten?
Das Loch war fertig und Dana legte den Schuhkarton hinein.
"Willst du auch schippen?" fragte sie Frederic,
und dieser nahm artig die Schaufel und beförderte
etwas Erde auf den Pappsarg.
Vielleicht sollte sie langsam Nägel mit Köpfen
machen, überlegte Dana. Bislang hatten sie und Frederic
für eine konsequente Zukunftsplanung kaum Zeit gehabt,
doch möglicherweise war das ein Fehler. Wie leicht
konnte man den richtigen Zeitpunkt verpassen ... eine
schaurige Vorstellung!. Sie schaufelte die letzte Erde
auf das kleine Grab und gab sich einen Ruck.
Heute abend würde sie mit Frederic reden. Er mochte
Kinder, zumindest von weitem, soviel wusste sie, und es
wurde Zeit, die Zukunft zu verplanen. Zwei wären
nett ... vielleicht auch drei?
Beschwingt stieg sie ins Auto und Frederic folgte ihr
mit düsterer Miene. Er kannte Dana - und er ahnte
Fürchterliches.
Es war ihr 33. Geburtstag.
4.
Dana fummelte das Schlüsselband vom Hals, öffnete
ihre Wohnungstür und ließ die Tüten, die
sie auf dem Arm hatte, einfach auf den Boden fallen.
Die Kids hatten es wahrlich gut gemeint und ihr eine Massagedecke,
Kirschkernkissen und andere wellnesstechnisch unverzichtbare
Artikel zukommen lassen, die jedem das Lebensgefühl
einer 127-jährigen vermitteln mussten.
Das einzige, was sie momentan wirklich brauchte, war ein
anständiger Single Malt, der die Unmengen an verschlungener
Schokoladensahne in handliche und gutverdauliche Bestandteile
auflösen würde.
5 Minuten später steuerte sie mit dem Whiskyglas,
einem Haferl Kaffee und ihrem Uralthandy den Ohrensessel
an, in dem sie lebte, wenn sie zuhause war. Auf der Seitenablage
befand sich ein Laptop und darunter ein Kasten Weißbier.
Vor einigen Jahren war Dana krank geworden und konnte
den lukrativen, aber aufreibenden Job als Systemadministrator
nicht länger ausüben. Die Chemotherapie hatte
die wuchernden Zellen in ihrem geschundenen Körper
fürs erste vertrieben, doch die physische und vor
allem ihre psychische Schwäche war lange geblieben.
Als die alte Kampflust wieder erwachte, war der Job natürlich
weg und sie weinte ihm keine Träne nach. Die wichtigste
Erkenntnis dieser harten Jahre half ihr jetzt auf die
Füße - sie war nicht bereit, jemals wieder
etwas tun, was sie nicht wirklich wollte. In atemberaubender
Geschwindigkeit entsorgte sie den komatösen Noch-Ehemann
und legte ihren Kindern erfolgreich nahe, in eines der
die soziale Kompetenz ungemein fördernden Studentenwohnheime
zu ziehen.
Das schnuckelige Reihenhaus mit den untoten Nachbarn wurde
verkauft und Dana fand eine hübsche kleine Altbau-Wohnung
im Glockenbachviertel, mit einer Kneipe an jeder Ecke
und einem reizenden Schwulenpärchen nebenan.
Alte Kontakte, die Danas technische Kompetenz nicht vergessen
hatten, sorgten dafür, dass sie Aufträge bekam,
mit denen sie sich über Wasser hielt. Geld bedeutete
ihr wenig, solange sie die Flatrate und das Bier noch
bezahlen konnte, sie stand ohnehin nicht auf Designersocken.
Die
Jahre hatten auch bei Dana ihre Spuren hinterlassen.
Bevor Frederic von ihr in die Tonne getreten wurde, wandelte
er schon länger auf Abwegen. Sein Verhältnis
mit einer Anwaltsgehilfin aus seiner Kanzlei kühlte
sich nach Danas Rausschmiss allerdings merklich ab und
es wurmte ihn sehr, dass ihm nun die Möglichkeit
entzogen worden war, reumütig zu Dana zurückzukehren,
doch diese focht das nicht an.
Ihre
Freundinnen sprachen verächtlich von Frederics Midlife
Crisis, doch Dana nannte es immer seinen gigantischen
Eisprung, der ihn in einen schwanzgesteuerten Weltraumaffen
verwandelt hatte. Sie hätte es nicht verhindern können
- selbst wenn sie sich auf den Kopf gestellt und mit den
Füßen gewackelt hätte, wäre er abgehauen,
um mit seinem Betthäschen das Kamasutra abzuarbeiten.
Sie hatte das Bild lebhaft vor Augen - weiße knochige
Beine in schwarzen Designersocken, die sich ungelenk um
einen mädchenhaften Körper schlangen .. Dana
schauderte es nachhaltig.
Sie
hatte unter dem Liebesentzug gelitten, doch bald eingesehen,
dass ein Gutteil ihres Leids auf gekränkter Eitelkeit
und dem ungewohnten, aber letztendlich befreienden Alleinsein
beruhte. Auf die weißen Beine und das, was sich
zwischen ihnen befand, verzichtete sie dagegen gern, und
fast tat ihr das arme Mädel leid .... aber eben nur
fast.
Sie
selbst hatte sich bislang zurückgehalten auf dem
Beziehungssektor - die Anwärter stapelten sich nun
eben auch nicht gerade vor ihrem Ohrensessel. Verunsichert,
was ihren nicht mehr ganz jungen Körper betraf, hatte
sie Hemmungen, diesen einem Fremden zuzumuten. Sie wusste,
sie war gut erhalten für ihr Alter, doch ob das auch
die anderen wussten .. bislang hatte sie es nicht herausfinden
wollen.
Manchmal spürte sie, dass etwas Flüchtiges in
ihrem Bewusstsein aufstieg ... und wie das samtige Flattern
eines Nachtfalters in lauen Sommernächten war es
nicht fassbar. Wenn sie es in Worte kleiden und als Gedanken
denken wollte, entzog es sich, und zurück blieb ein
leises Bedauern, das Gefühl des Mangels, der unbehebbar
schien.
Dana
hatte Kaffee und Whiskey abgestellt und wollte sich im
obligatorischen Bärenschlafanzug eben in den Sessel
lümmeln, als das nicht vibrationsfähige Handy
ein schrilles Piepen von sich gab; an diesem Tag mindestens
die 20ste SMS.
Dana überlegte, wer noch fehlte in der Sammlung der
Alle-Jahre-wieder-Melder, doch die Nummer auf dem Display
war ihr nicht geläufig. Die SMS enthielt eine Mailadresse.
Und danach nur ein paar Worte. Hi. Hier Hanna .. hab dich
ergoogelt. Do you remember me? ;-)
41
Jahre verflüchtigten sich in die unendlichen Weiten
des Weltalls. Die samtigen Flügel der nächtlichen
Motten wurden zu Zitronenfaltern, die über sommerlichem
Grün aufstiegen und in der lauen Luft greifbar stehen
blieben....
Über ihr hüpften Amseln durchs Gestrüpp,
Obstkisten knarzten und seidiges blondes Haar streifte
ihr Gesicht.
An
ihrem 55. Geburtstag zog Dana den Rechner zu sich heran,
legte ihre Füße auf den Weißbierkasten
und begann zu schreiben.